Naturalismus Merkmale

Naturalismus in der Literatur

Ursprung und Anlehnungen

Erste naturalistische Tendenzen finden sich im Émile Zolas Schrift „Le roman expérimental“ (1880). Aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen sah er die Notwendigkeit, auch das Hässliche abzubilden und das durch eine exakte, wissenschaftlich anmutende, Darstellungsweise.
Einige Jahre später erschienen bedeutende Werke von Gerhart Hauptmann, Arno Holz oder Johannes Schlaf.
Der Naturalismus wendet sich gegen verzerrte und beschönigende Darstellungsweisen, wie sie beispielsweise in der Romantik oder dem Realismus üblich waren. Das Werk soll keinen vorgefertigten Strukturen folgen, sondern die Realität abbilden, also auch Nebensächliches, Unwichtiges oder Abartiges.

Wissenschaftliche Darstellungsweise

Der Naturalismus wird beeinflusst durch wissenschaftliche Erkenntnisse in der Zeit seiner Vertreter. Es wächst die Einsicht, dass der Mensch nicht von Gott einer bestimmten Gesellschaftsschicht zugeordnet wird, sondern dass der Mensch durch bestimmte Faktoren determiniert ist. Dies kann Herkunft, Alter oder Geschlecht sein.
Auch psychologische Faktoren spielen eine Rolle. In den Romanen und Dramen werden verstärkt psychologische Motive und Einblicke in die Charaktere gewährt. In den 1890ern veröffentlichte Sigmund Freud erste Schriften zur Psychologie und war damit der Wegbereiter für die Psychoanalyse. Seine Geisteshaltung beeinflusste und prägte naturalistische Werke.
Auch die Vererbungslehre spielt eine wichtige Rolle, die erstmals von Gregor Mendel im Jahr 1866 wissenschaftlich aufbereitet wurde. Ein wiederkehrendes Motiv naturalistischer Literatur sind vererbte Krankheiten (siehe Ibsens „Gespenster“).

Stil

Der Stil der Werke wird stark von der Thematik beeinflusst. Der Autor nimmt sich selbst zurück, um objektiv vom Geschehen zu berichten. Es findet keine Wertung durch den Autor statt.
Auch sprachlich spiegelt sich der wissenschaftliche Anspruch wieder. Die Sprache wird phonografisch wiedergegeben, d.h. sie wird so dargestellt, wie sie gesprochen wird. So sprechen die Charaktere Dialekt, Soziolekt (abhängig von der Schicht), Psycholekt (abhängig vom Gemütszustand) und Idiolekt (persönliche Ausdrucksweise). Neben exakten Beschreibungen der Umgebung kann also auch die Sprache mit einfachen Mitteln sehr genau dargestellt werden.
Als Gattung kann das Soziale Drama all die Eigenschaften des Naturalismus am besten wiedergeben.

Kunst = Natur – x

Eine der wichtigsten Verkörperungen der naturalistischen Theorie ist der Kunstbegriff von Arno Holz. In der mit Johannes Schlaf zusammen verfassten Schrift „Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze“ , wird der konsequente Naturalismus propagiert. Der Schriftsteller soll so weit wie möglich hinter dem Werk zurückstehen. Holz entwickelt daraus die (auch im Zeichen der Wissenschaft gehaltene) Formel Kunst = Natur – x. Dies bedeutet, die Kunst stellt die Natur so exakt wie möglich dar, muss aber gewisse Einschränkungen hinnehmen. Ein guter naturalistischer Autor müsse aber versuchen, das x so klein wie möglich werden zu lassen.
Die Theorie von Holz zeigt, wie stark wissenschaftliche Erkenntnisse auch die Kunst beeinflussten – stärker, als es zuvor je möglich gewesen war.
 

Wichtige Merkmale der Literatur des Naturalismus

  • Beeinflussung durch die Wissenschaft
  • Beeinflussung durch Veränderungen in der Gesellschaft und im Alltag (Soziale Frage)
  • Exakte Wirklichkeitsabbildung
  • Darstellung sozialer Milieus
  • Der Mensch als determiniertes Wesen
  • Sekundenstil
  • Viel direkte Rede
  • Naturalismus in der Kunst

    Naturalismus als Epoche

    Ihren Anfang nahm die naturalistische Epoche mit der Schrift „La philosophie du salon de 1857“ (1858) von Jules Antoine Castagnary. In ihr heißt es, dass der naturalistische Künstler die Wirklichkeit so exakt wie möglich darstellen sollte, also auch weniger schöne Motive einbeziehen soll.
    Die naturalistische Kunst ist stark mit dem Realismus verknüpft. Die realistische Darstellungsweise strebt ebenso nach einer exakten Wirklichkeitsdarstellung, doch der Naturalismus tut dies noch extremer, ungeschönter und ohne eine eigene Wertung abzugeben.
    Die Motive naturalistischer Bilder sind deshalb die Arbeiterschaft, Elendsviertel oder Alltagssituationen.

    Naturalismus als Darstellungsweise

    Den sozial und gesellschaftlich bedingten Anspruch, der die Kunst zum Ende des 19. Jahrhunderts beeinflusst, ist nicht der einzige Weg einer naturalistischen Darstellung. Unabhängig vom geschichtlichen Kontext existiert eine weitere Form des Naturalismus. Sie bezieht sich auf die Darstellungsweise.
    Bereits die antike Kunst der Griechen oder Römer kann als naturalistisch angesehen werden, da die Skulpturen den Menschen in einer exakten Wirklichkeitsabbildung zeigten und nicht geschönt waren. Die Proportionen, die Körperhaltung und das Aussehen sollte die Person so real wie möglich darstellen.
    Auch im Mittelalter finden sich diese anti-idealistischen Tendenzen. Dazu gehört, Perspektiven exakt darzustellen, sowie Lichtverhältnisse der Realität anzupassen. Farben, Formen und das Aussehen von Personen soll dem wahren Leben entsprechen, nichts beschönigen und keine Symbolik repräsentieren (im Gegensatz zu manchen Werken des Mittelalters, auf denen beispielsweise ein Herrscher um einiges größer dargestellt wurde als seine Untergebenen).
    Die naturalistische Kunst steht damit im krassen Gegensatz zu abstrakter oder moderner Kunst, die mit surrealen oder überhöhten Motiven arbeitet.

    Wichtige Merkmale der Kunst des Naturalismus

  • Exakte Wirklichkeitsabbildung
  • Epoche: Darstellung von sozialem Elend und kritischer Hinterfragung
  • Darstellung: Detailtreue
  • Echte Perspektiven, Formen und Farben
  • Keine symbolischen Aussagen
  • Fotoähnlich (ähnlich wie Hyperrealismus)