Realismus – Naturalismus

Oftmals tun sich Leser schwer, den Unterschied zwischen Realismus und Naturalismus in der Literatur zu erkennen. Ein Grund dafür ist, dass beide Strömungen sich zeitlich überschnitten, auch wenn der Realismus früher begann und der Naturalismus etwas länger andauerte. Allein begrifflich haben beide Bezeichnungen einen Wirklichkeitsanspruch.
Dennoch sind beide Strömungen sehr unterschiedlich, was den literarischen Stil und die Thematik angeht.

Darstellung der Thematik

Beide Strömungen haben den Anspruch, die Realität darzustellen. Die Autoren des Realismus stellten meist das Leben des Bürgertums oder Adels dar (wie Theodor Fontanes „Effi Briest“), niedrigere Gesellschaftsschichten traten nur am Rande auf und wurden romantisch verklärt. Die Verklärung ist ein wichtiger Charakterzug des Realismus. Einerseits hatten die Autoren den Anspruch, die Wirklichkeit abzubilden, doch wurden negative oder hässliche Aspekte dieser Wirklichkeit ausgeblendet. Zwar können viele realistischen Werke auch als Kritik an bestehenden Gesellschaftszuständen gesehen werden, doch das wahre Elend, das sich in Arbeitervierteln und Fabriken ereignete, wurde nicht behandelt.
Im Gegenzug dazu möchte der Naturalismus die Wirklichkeit schonungslos darstellen. Armut, Krankheit und Tod sind wiederkehrende Motive naturalistischer Literatur. Keine Thematik wird ausgelassen. Zum ersten Mal in der Kunst wird das vorher Undarstellbare gezeigt. Dabei spielt die Wissenschaft eine große Rolle.

Unterschiede im Stil

Im Stil gilt die Wissenschaft dem Naturalismus als Vorbild. Die exakte Darstellungsweise eines Sachverhalts wird auf die Literatur übertragen. Der Sekundenstil entsteht. Hierbei wird ein Augenblick so detailliert beschrieben, dass die Abbildung der Wirklichkeit entspricht, d.h. Erzählzeit und erzählte Zeit sind gleich. Eines der bekanntesten Vertreter dieses Stils ist „Papa Hamlet“ von Arno Holz und Johannes Schlaf. Auch Geräusche werden schriftlich dargestellt. Oftmals spiegelt außerdem die Sprechweise das soziale Milieu der Charaktere wieder. Die Charaktere sprechen im Dialekt, lassen Sätze unvollständig, sind sprachlos oder drücken sich unklar aus.
Im Realismus herrschen lange Sätze, ausschweifende Beschreibungen und viel Dialog vor. Die Werke sind strukturiert und auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet. Zwar haben genaue Beschreibungen der Umgebung und der Gespräche auch einen Realitätsanspruch, doch dieser ist beschönigend und verklärt.